PicsArt 06 09 10.47.57Mein Leben, meine Geschichte – jeder lebt anders, jeder hat seine eigene Auffassung von Glauben. In diesem Format „Glaubens-geschichten“, möchte ich Menschen vorstellen, die besondere Biographien haben oder auf eine besondere Art und Weise ihren Glauben ausleben.

Im letzten Text durfte ich mit dem Zeitzeugen Eduard Fiedler über seinen Glauben in der DDR reden. Wie schon erläutert, war seine Geschichte vor allem durch seinen Wohnort, das katholisch geprägte Eichsfeld, aber auch durch sein Aufwachsen in der Nachkriegszeit, in der das System der DDR sich erst noch entwickelte, beeinflusst. Um zu so einem komplexen Thema noch eine zweite Ansicht zu zeigen, durfte ich Ekkehard Stier interviewen.

Ekkehard Stier ist in der Stadt Dessau in Sachsen-Anhalt geboren. Aufgewachsen ist er, als Sohn eines Diakons, in einem christlichen Umfeld. Nach seinem Theologiestudium wurde er Pfarrer und kam 2005 zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls Pfarrerin ist, nach Karlsbad-Langensteinbach. Seit 2018 ist er Studienleiter der Konfirmandenarbeit bei der evangelischen Landeskirche Baden und lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Langensteinbach.
Ekkehard Stier ist selbst eines von vier Geschwistern – eine Ausnahme in der DDR. Und Ausnahmen oder besondere Lebensstile, wurden nicht toleriert. Schon für die Familienplanung mussten sich seine Eltern rechtfertigen:

„Man sagte damals: «Wer kinderreich ist, ist entweder asozial oder kirchlicher Mitarbeiter». Oft waren das Leute, die nicht in das System gepasst haben. Meine Mutter hat sich dazu entschieden, zuhause zu bleiben und nicht zu arbeiten – das hat auch nicht ins System gepasst. Wir haben manche Vergünstigungen, die man als Familie gekriegt hat, nicht gekriegt, weil meine Mutter nicht arbeiten war.“

Doch Benachteiligungen und Anfeindungen durch das Umfeld waren für seine Eltern kein Grund sich anzupassen. Die Mitgliedschaft in den staatlichen Jugendorganisationen und die Jugendweihe, das staatliche Pendant zur Konfirmation, waren Voraussetzungen für eine Zukunft ohne Nachteile. Doch Ekkehard Stier und seine Eltern entschieden sich für einen anderen Weg:

„Bei uns war das selbstverständlich, dass wir getauft worden sind. Aber spätestens ab der Grundschule wurde es dann doch schwierig. Da war es eigentlich gang und gäbe, dass man in die Pioniere und später in die FDJ, also die staatlichen Jugendorganisationen, eingetreten ist. Bei den Pionieren haben meine Eltern verfügt, dass wir alle nicht hingehen und da waren meine Geschwister und ich die einzigen in der Klasse, die nicht in den Pionieren waren. Bei der FDJ haben unsere Eltern uns das uns freigestellt. Ich bin nicht eingetreten und war dann der Einzige  in der Schule, der nicht in der FDJ war. Das hat natürlich Druck gemacht.
Dann, in der 8. Klasse, kam die Jugendweihe. Viele haben Jugendweihe und Konfirmation gemacht, meine Eltern haben dann entschieden, dass wir alle keine Jugendweihe machen.“

Weil er anders war, wurde er in der Schule immer als Exot angesehen. Er war anders, lebte seinen Glauben ,statt in staatlichen Organisationen Mitglied zu sein, ging in die Natur statt in die Kneipe, machte sein Ding anstatt „mitzuziehen“ und sich anzupassen. Deshalb war es schwierig, in der Schule Anschluss zu finden und respektiert zu werden. Doch nicht nur die Schüler hatten ihn im Visier:

„Ich will Ihnen einfach mal zwei Szenen erzählen, wie man das gemacht hat.
Einmal,  das war eine Direktive in der ganzen DDR, die kam direkt vom Bildungsministerium von Margot Honecker persönlich, das weiß man heute. Da wurde gesagt, es sollen alle aufstehen, die zur Christenlehre gehen. Wir waren nur zwei, die da aufgestanden sind. Und dann hat die Klassenlehrerin gesagt «Und jetzt dürft ihr alle die beiden mal auslachen».

Zweite Situation: Bei uns war die Zeugnisausgabe jedes Mal ein Staatsakt. Die Klasse war da, es wurden Vertreter der Patenbrigade eingeladen, und es gab das Elternaktiv, heute würde man sagen die Elternvertreter. Dann wurde immer mit dem Schlechtesten begonnen und mit dem Besten aufgehört. Ich war in dem Jahr der Klassenbeste und habe eine Urkunde für «Gutes Lernen der sozialistischen Schule» bekommen. Meine Klassenlehrerin hat die dann vorgelesen und anschließend vor allen zerrissen. Auf die Weise hat man versucht, die Leute gefügig zu machen“

Letztendlich bekam er aber, als einer von wenigen, einen heiß umworbenen Abiturplatz – jedoch nicht wegen seiner guten schulischen Leistungen:

„Ich hatte immer sehr gute Leistungen, aber dieses Schulsystem hat mir seelisch sehr zu schaffen gemacht. Unser Direktor kam eines Tages in die Klasse rein und sagte «Ich habe für zwei Schüler von Ihnen die Nachricht, dass ihnen ein Abiturplatz genehmigt wurde». Ich dachte, das geht mich eh nichts an. Aber dann sagte er den Namen eines Mitschülers und von mir. Ich bin aus allen Wolken gefallen, denn meine Eltern haben es nicht beantragt, ich habe es nicht beantragt. Ich bin mir heute sicher, dass die wussten, dass ich kein Abitur machen möchte und den Abiturplatz zurückgebe, damit man dann sagen kann «Wir bieten es für kirchliche Mitarbeiter an und die wollen nicht».“

Er selbst wollte nicht noch länger in die Schule gehen, seine Eltern hingegen rieten ihm, diese Chance zu nutzen. Letztendlich entschied er sich für eine Berufsausbildung mit Abitur – doch trotz der Zulassung standen ihm nicht alle Türen offen. Weil er nie Mitglied in staatlichen Organisationen war, bekam er viele Absagen. Mit dem Berufswunsch, Förster zu werden, wurde er schließlich auf der Schule für Holzwesen angenommen. In dieser Zeit lebte Ekkehard Stier in einem Internat – das heißt rund um die Uhr von Menschen, die einen beobachteten, umgeben sein. Es ging aber so weit, dass regelmäßig versucht wurde, ihn und andere Schüler zu überreden und anzupassen, man kann sagen „umzupolen“:

„Die Erzieher und die Schulleitung haben in den ersten Wochen jeden Tag für zwei Stunden mit uns diskutiert, in die FDJ einzutreten. Der Tobias hat nie etwas gesagt, der hat die Arme verschränkt und abgewartet, der Edgar hat es nicht ausgehalten und ist dann gegangen, und ich hab’ eben mit denen diskutiert. Also sehr unterschiedliche Strategien.
Ich hab’ dann den christlichen Jugendkreis im Ort geleitet. Da sind auch einige aus der Schule mitgekommen und es gab ständig Gespräche mit der Klassenlehrerin, die dann gesagt hat «Herr Stier, halten Sie sich zurück, Sie ersparen sich und mir viel Ärger»”.

Aber auch im privaten Bereich konnte er sich nie sicher fühlen. Bei seinem Freund, der ebenfalls nicht in der FDJ war, war es der eigene Zimmerkollege, der in der Stasi war und Informationen weitergegeben hat. Außerdem wurden Briefe, die er von seinem Brieffreund bekommen hat,  geöffnet. Heute ist es unvorstellbar, nicht leben zu können, wie man es selbst möchte. Ekkehard Stier sagt über diese Zeit:

„Das war die schlimmste Zeit überhaupt. Aber auch eine Zeit, die mich, meinen Glauben und meine Persönlichkeit sehr geprägt und mich zum Kämpfer gemacht hat.“

Da er während seines Abiturs schon in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv war und sein damaliger Jugendwart Potential in ihm sah, gab es vermehrt Überlegungen, Theologie zu studieren. Ein besonderes Erlebnis war der ausschlaggebende Punkt für seine Entscheidung:

„Ich war auf einer Freizeit.  Und wir sind zurückgefahren und haben uns mit dem Trabi dann überschlagen. Wir sind da alle lebendig rausgekrabbelt. Ich habe danach gesehen, dass Bremsspuren vor dem Auto waren, und habe mich dann gewundert, wie das funktioniert. Ich habe dann gehört, dass an der gleichen Stelle vier Wochen vorher ein Unfall mit drei Toten war. Da ist mir dann anders geworden. Da war für mich klar, dass ich hier genauso hätte sterben können, und ich bin nicht gestorben, Gott hat was mit mir vor. Und dann kam das Angebot von unserem Jugendwart, ob ich nicht Diakon werden und Jugendarbeit machen möchte.
Und dann hab’ ich gesagt, ich bewerbe mich auf die Theologie, wenn ich studieren darf, ohne dass ich zur Armee muss; wenn nicht, werde ich Diakon.“

Schließlich konnte er die Armee umgehen und sein Theologiestudium 1988 in Halle beginnen. Als Student hat er die Zeit der Wende also unmittelbar erlebt und konnte bei wichtigen Ereignissen selbst dabei sein:

„Ich habe das sehr intensiv erlebt. Diese Gottesdienste am Montag in Leipzig gab es schon länger und da war ich im Vorfeld schon öfters da. Nach dem Gottesdienst blieb man noch auf dem Nikolaikirchenhof zusammen und hat sich in kleinen Gruppen unterhalten. Und dann kam immer vom Stasi-Gebäude die Ansage «Diese Versammlung ist nicht genehmigt, lösen Sie sich auf, gehen Sie nach Hause». Dann lachte alles und dann ging man.

Im Sommer ‘89 spitzte sich die Lage schon zu. Da fingen nach dem Gottesdienst plötzlich welche an und wollten einen Sitzstreik machen. Aber die saßen noch nicht auf der Erde, da war die Stasi schon da und hat die weggezerrt.

Dann kam der 07.10., der Republikgeburtstag. Da war ich auch in Leipzig an der Nikolaikirche, und plötzlich kam die Bereitschaftspolizei mit Hundestaffel und hat uns auseinandergetrieben. Das werde ich nie vergessen, das war eines der schockierendsten Erlebnisse, wie die dazwischen gegangen sind und meinten „Hau ab du blödes Schwein”.

Am Montag darauf, am 09.10. bin ich nach Leipzig und da war die erste große Demonstration damals, mit 80.000 Leuten, die erstmals rumgezogen sind mit «Wir sind das Volk».“

Seine berufliche Karriere, als evangelischer Pfarrer, konnte Ekkehard Stier dann im vereinten Deutschland beginnen. Innerkirchlich gab es in der DDR einen größeren Zusammenhalt, denn durch den gemeinsamen Feind haben katholische, evangelische oder freie Kirchen zusammengehalten und sich mehr akzeptiert. Doch heute muss man sich nicht mehr verstecken, wenn man öffentlich seinen Glauben lebt:

„Die Schwierigkeit war, dass viele natürlich Angst hatten, Nachteile zu bekommen. Es wurden bei kirchlichen Veranstaltungen die Vorhänge zugezogen, dass man nicht sieht, wer da ist. Die Lehrer sind auch im Ort gestanden, mit Liste und Stift, und haben aufgeschrieben, wer zur Christenlehre geht.“

Religionsfreiheit war in der DDR formal gewährt, doch die Frage ist, wie man dieses Gesetz auslegt. Ekkehard Stier ist sich sicher – in der Öffentlichkeit war man nicht frei:

„Man hat immer offiziell Religionsfreiheit propagiert, und die war einfach nicht da. Ein Kreuz in der Schule zu tragen war verboten. Es hat niemand etwas öffentlich äußern können, außer in der Kirche und im Privatraum. Da ist eben die Frage, darf ich Religionsfreiheit nur für mich im kleinen Raum leben oder darf ich das auch in der Öffentlichkeit.“

Anhand meiner beiden letzten „Glaubensgeschichten“ kann man sehen, dass man geschichtliche Entwicklungen aus verschiedenen Standpunkten betrachten muss. Ich bedanke mich sehr bei Herr Stier, dass er uns seine Geschichte mitgeteilt hat. Wir sollten froh sein, nicht in so einem System zu leben, und alle Freiheiten schätzen!

Dominik Kunzmann