PicsArt 06 09 10.47.57Mein Leben, meine Geschichte – jeder lebt anders, jeder hat seine eigene Auffassung von Glauben. In diesem Format „Glaubensgeschichten“, möchte ich Menschen vorstellen, die besondere Biographien haben oder auf eine besondere Art und Weise ihren Glauben ausleben.

Wie ist das, wenn man aufgrund der eigenen Meinung benachteiligt wird und seinen Glauben nicht frei ausleben kann? Diese Fragen habe ich mir gestellt und wollte deshalb mit einer Person, die in der DDR ihren Glauben ausgelebt hat, sprechen. Auf der Suche nach Zeitzeugen fand ich Eduard Fiedler.

Eduard Fiedler wurde 1947 im Landkreis Eichsfeld in Thüringen geboren. Nach seinem Abitur mit Berufsausbildung, einem Theologiestudium und einer Ausbildung zum Sozialarbeiter arbeitete er in der DDR sowie nach der Wende in der katholischen Jugendseelsorge und als Gemeindereferent.

Ein eher untypischer Weg, wenn man sich die Gesellschaft der DDR anschaut. Die marxistisch-leninistische Staatsideologie postulierte das Verschwinden von Religion auf dem Weg zum Kommunismus. Außerdem wurden die Kirchenmitglieder immer weniger und der Großteil war, wenn überhaupt, evangelisch. Doch Herr Fiedler schildert, dass diese Karriere und seine Lebensweise als gläubiger Katholik in seinem Umfeld nichts Besonderes war. Erst im Gespräch und der folgenden Recherche merkte ich, in welch einem besonderen Ort Herr Fiedler lebte.

Eichsfeld – das Gallien der DDR, wird es in einem Artikel vom Deutschlandfunk (Link unten) genannt. Und dieser Vergleich passt, denn das Eichsfeld war eine katholisch geprägte Enklave, mitten in der atheistischen DDR. Weil die Kirche dort so einen hohen Stellenwert hatte, konnte innerkirchlich alles, was von staatlicher Seite nicht mehr erlaubt war, weitergeführt werden – wie z.B. der Religionsunterricht:

„Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wo das Katholischsein ganz normal war. Anfangs war sogar der Ortspfarrer noch regelmäßig in der Schule und hat Religionsunterricht gegeben. Nach 2 Jahren war das schon nicht mehr möglich, aber in den Räumen der Pfarrei gab es Religionsunterricht. Ab der 5. Klasse hatten wir 2 Stunden Bibel und 2 Stunden Katechismus, auf die Woche verteilt.”

Nicht nur die Besonderheit seines Heimatorts, auch die Zeit, in der Eduard Fiedler aufgewachsen ist, muss berücksichtigt werden. Herr Fiedler wurde in der Nachkriegszeit geboren, weshalb er vieles anders erlebte. Die Jugendweihe, das staatliche Pendant zur katholischen Firmung, war in seiner Jugend noch nicht so etabliert:

„Aus meinem Jahrgang waren es damals nur ein paar wenige, die das gemacht habe. Aber später, als ich dann auch bei der Kirche gearbeitet habe, waren unsere Kinder die Einzigen in der Klasse, die die Jugendweihe nicht mitgemacht haben und auch bei den Jungpionieren, dieser Jugendorganisation, keine Mitglieder waren.”

Die Jugendweihe und die Mitgliedschaft in den staatlichen Jugendorganisationen, den Jungen Pionieren und der Freien Deutschen Jugend (FDJ), waren die Voraussetzung für ein Leben ohne Einschränkungen. Dass es Nachteile als praktizierender Christ oder Mitarbeiter in der Kirche gab, wusste man. Herr Fiedler beschreibt diese Einschränkungen an seinem Schwiegervater und dessen Kindern:

„Er hat dann selbstverständlich die Nachteile dabei ertragen. Seine Kinder konnten nicht auf dem normalen weg Abitur machen, weil sie nicht bei den Pionieren mitgemacht haben, nicht bei der FDJ waren und keine Jugendweihe gemacht haben. Außerhalb der normalen Oberschule gab es ja die Möglichkeit, eine Berufsausbildung mit Abitur zu machen, um zu einem Studium zu kommen. Sie durften nicht die Berufe machen, die sie gerne wollten, haben das aber in Kauf genommen.”

Viele Jugendliche waren formal Mitglieder in staatlichen Organisationen, um eine uneingeschränkte Zukunft ohne Nachteile zu haben. Herr Fiedler entschied sich für seine Kinder anders:

„Unsere Kinder waren bei der Wende in der 6./7. Klasse. Aber sie waren durch unsere Erziehung darauf eingestellt, dass, wenn der Sozialismus nicht zu Ende gegangen wäre, sie ihre Wege hätten finden müssen, ohne sozialistische Mitgliedschaften einzugehen.”

Für Herrn Fiedler war das normal, dass man diese Nachteile hatte. Auch die Überwachung der Stasi, der innerstaatlichen Geheimpolizei, war für ihn Alltag:

„Das war ganz normal, dass man wusste, wo einige Leute zusammen sind, war immer einer dabei. Man musste damit leben, dass alles, was ich irgendwo sage, weitergeleitet wird. Auch bei uns im Jugendhaus musste man davon ausgehen, dass bei den Jugendlichen welche dabei waren.”

Eduard Fiedler stimmt zu, dass diese Einschränkungen und die gezielte Überwachung Diskriminierung gegenüber Christen war:

„Ja klar (war das Diskriminierung)! Aber ich habe da immer im Hinterkopf, was mein Heimatpfarrer sagte, wenn es darum ging, die Eigenschaften der Kirche aufzuzählen: „Einig, heilig, katholisch, apostolisch und verfolgt“. Das war eben normal.“

Eduard Fiedler ist in dieser Zeit aufgewachsen, für ihn war es „normal“ und für ihn war das freie Ausleben des Glaubens möglich:

„Wenn ich das mit einbeziehe (Überwachung), dann konnte ich meinen Glauben frei ausleben. Dann nehme ich das für normal hin, dass ich dafür, wenn Kirchenfeindliche die Macht haben, natürlich nicht alles machen kann, was ich möchte. Das ist wahr, da war ich eingeschränkt. Das nimmt man dann in Kauf.”

Doch er hat das System nicht unterstützt und sich in der Zeit der Wende durch Friedensgebete und Demonstrationen engagiert. Da er bei der Kirche angestellt war, musste er bei Aktionen gegen den Staat nie um eine Karriere bangen und fühlte sich in der Kirche sicher. Auch für seinen Glauben war es eine besondere Zeit:

„Das war eine wunderbare Atmosphäre damals und auch eine echte Hochzeit unseres Glaubens. Von überall her kamen diese biblischen Texte, und das hat uns aus der Seele gesprochen: Dass Veränderungen möglich sind und der Geist Gottes am Wirken ist. Das ist mir immer noch in Erinnerung, dieses Gefühl: Jetzt geht’s los, jetzt kann man öffentlich was sagen.“

Was ist heute anders? – „Jetzt ist alles möglich.“ meint Eduard Fiedler. Mehr Freiheiten und ein religionsfreundlicher Staat - das sind die wohl größten Veränderungen und wichtige Voraussetzungen, um seinen Glauben frei ausleben zu können. Eduard Fiedler erinnert sich aber an Worte, die der Propst von Heiligenstadt nach der Wende sagte:

„Der sagte »Jetzt haben wir den Nationalsozialismus und den Kommunismus überstanden, aber die Zeit, die jetzt kommt, wird dem Glauben nicht mehr so zuträglich sein«. Als gläubige Christen hat uns der gemeinsame, äußere Feind natürlich zusammengehalten.“

Herr Fiedler erzählt viel Gutes von seine Zeit in der DDR. Mehr Kirchenmitglieder und eine größere Gemeinschaft waren Vorteile in seinem Umfeld. Doch wie anfangs betont, lebte er in einer besonderen Region, man spricht heute sogar vom „Rosenkranzkommunismus im Eichsfeld“. Einschränkungen vom Staat gab es, aber kaum kritische Meinungen aus dem katholisch geprägten Umfeld.

Wie ist das, wenn man seinen Glauben nicht frei ausleben kann und auch im privaten Umfeld deshalb nicht akzeptiert wird? Diese Frage konnte ich mir nach dem Gespräch mit Eduard Fiedler nicht beantworten. Doch das zeigt, dass die Gesellschaft und das Leben in der DDR, nicht pauschalisiert betrachtet werden kann.

Viele Unterschiede wie der Ort, die zeitliche Einordnung, und der individuelle Lebensstil müssen bei der Betrachtung beachtet werden. Deshalb wird sich mein nächster Text nochmals mit einer Person, die in der DDR ihren Glauben ausgelebt hat, beschäftigen. Ein besonderer Dank gilt Eduard Fiedler, der mir meine Fragen beantwortet und mich – und hoffentlich auch einige Leser – sehr zum Nachdenken angeregt hat!

Dominik Kunzmann

Hier der Artikel vom DLF: https://bit.ly/3dgWk6I