Mein Leben, meine Geschichte – jeder lebt anders, jeder hat seine eigene Auffassung von Glauben. In diesem Format „Glaubensgeschichten“, möchte ich Menschen vorstellen, die besondere Biographien haben oder auf eine besondere Art und Weise ihren Glauben ausleben.
Eine sehr besondere Geschichte ist die der Theologin und Autorin Jacqueline Straub.

Hier das ganze Interview zum Anhören:

jaqueline straubJacqueline Straub wurde 1990 in Sigmaringen geboren. Im Jugendalter begann ihr Glaubensweg und sie wurde Ministrantin in ihrer Heimatpfarrei Pfullendorf. Nach dem Abitur studierte sie römisch-katholische Theologie und arbeitet bis heute als Journalistin und Buchautorin. Heute lebt sie mit ihrem Ehemann in der Schweiz und kämpft für Reformen und radikale Veränderungen in der katholischen Kirche, um ihr großes Lebensziel zu erreichen: endlich katholische Priesterin zu werden!
Doch bevor ihr Glaubensweg in der Jugend begann, spielten Religion und Kirche in ihrem Leben keine relevante Rolle. Trotz der Begeisterung für den Religionsunterricht und der Erstkommunion entschied sie sich aufgrund des zu ernsten und strengen Pfarrers zunächst gegen einen Ministrantendienst. Durch ihn und weitere Christen in ihrem Umfeld, hatte sie ein eher negatives Bild von Kirche und Glauben – bis sie auch „andere“ Christen kennenlernte:

„Ausschlaggebend war eine Klassenkameradin von mir, die auch sehr gläubig war. Die hat mir dann erzählt »Ich geh am Sonntag in die Kirche und ich lese auch die Bibel«. Ich fand das interessant, dass eine junge Frau, 14/15 waren wir damals, ganz normal im Leben steht, ganz normal wirkt und trotzdem an Gott glaubt. In meiner Kindheit war Glauben für mich eher was, das alte Menschen ausgezeichnet hat.
Dann kam noch hinzu, dass der Pfarrer in der Kleinstadt, in die wir in meiner Jugend hingezogen sind, sehr charismatisch war. Der konnte mir als Jugendliche das Evangelium so näher bringen, dass ich hinterher aus der Kirche gegangen bin und gesagt habe »Wow, das was Jesus damals, vor 2000 Jahren, gesagt hat, hat ja auch heute noch Relevanz«“

In dieser Zeit fand Jacqueline Straub nicht nur zu ihrem Glauben, sondern hatte auch konkrete Pläne für ihre Zukunft:

„Als mein Glaube mit 15 aufkam, kam auch der Wunsch auf ,das Gleiche wie der Herr Pfarrer zu machen, also predigen, Eucharistie feiern, Kinder taufen, mit den Menschen im Glauben unterwegs sein. Mit 17/18 Jahren war für mich dann klar, ich möchte Theologie studieren, und natürlich war der Wunsch, danach zur Priesterin geweiht zu werden, auch da. Ich wusste aber, dass das nicht einfach sein wird.“

Durch Pilgerfahrten wurde ihr Glaube vertieft und gestärkt. Sie durfte viele Mitchristen auf ihren Reisen nach Rom, Taizé, Assisi und Jerusalem treffen, sich mit ihnen austauschen und zusammen Gottesdienst feiern. Doch es sind auch historische Orte, in denen Menschen gewirkt haben, die über Jahrhunderte die Kirche geprägt haben. Besonders ihre Reise nach Israel hat sie heute noch, vor allem beim Lesen der Bibel, in Erinnerung:

„Man nimmt Bibelverse von einer ganz anderen Perspektive wahr. Jeder der einmal im Heiligen Land war, am See Genezareth, der liest die Bibel mit ganz anderen Augen, denn er steht dort wo Jesus einst stand.“

Heute ist sie in ihrem Glauben gefestigt und hat immer noch ihr großes Ziel von damals vor Augen. Das wird auch immer so bleiben, denn Priesterin zu werden ist mehr als nur ein Berufswunsch:

„Berufung bedeutet für mich, dass es etwas Kontinuierliches ist, also dass man es nicht nur mal begonnen hat, als eine Idee. Es ist etwas, das immer da ist. Manchmal spürt man es mehr, manchmal weniger, und natürlich ist es auch in den schwierigen Momenten im Leben immer da. Berufung ist für mich etwas unglaublich Schönes, ein Geschenk von Gott.
Gleichzeitig ist Berufung auch mit Schmerz verbunden, weil gerade wir Frauen oder auch Männer, die sich zum Priester berufen fühlen, aber in einer Partnerschaft sind, spüren, dass sie ihre Berufung nicht ganz leben können.“

Wie geht man bei so einem Ziel vor? Frauen ist das Priesteramt verwehrt, und in der Vergangenheit sind Versuche der Lockerung immer wieder gescheitert. Jacquelines Maßnahme ist der öffentliche Auftritt, das öffentliche Reden über das Thema. Durch Vorträge, Interviews und Bücher möchte sie zeigen, dass man für Visionen und Erneuerungen in der Kirche kämpfen darf. „Endlich Priesterin sein!“ und „Jung, katholisch, weiblich – Weshalb ich Priesterin werden will“ heißen ihre ersten Bücher, mit denen sie auch anderen Frauen, die sich Reformen wünschen oder sich selbst berufen fühlen, Kraft geben möchte.
Viele Außenstehende sehen in Jacquelines Problem eine ganz einfache Lösung – warum nicht einfach konvertieren? Doch so einfach ist das nicht, denn Jacquelines Beziehung zur katholischen Kirche ist eine ganz besondere:

„Ich werde immer wieder gefragt, warum ich nicht einfach evangelisch werde. Aber zum einen liebe ich die katholische Kirche und zum anderen denke ich mir, dass es blöd wäre, wenn alle katholischen Frauen aufgrund der fehlenden Gleichberechtigung austreten würden. Die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer haben genauso für Gleichberechtigung gekämpft. Die unterstützen mich auch total und sagen »Gib nicht auf, bei uns haben die Frauen auch Jahrhunderte kämpfen müssen«.
Nur eine Kirche, in der Gleichberechtigung gelebt wird, ist eine Kirche im Sinne Jesu Christi.“

Mit ihrem aktuellen Buch „Kickt die Kirche aus dem Koma – Eine junge Frau fordert Reformen jetzt“, möchte sie auch auf die Gleichberechtigung zwischen Mann, Frau und Menschen dazwischen, das Zölibat und den Umgang mit Randgruppen in der katholischen Kirche aufmerksam machen. Doch auch das Einbinden von jungen Menschen ist ein Thema:

„Ich erlebe es immer wieder von jungen Menschen, dass sie sagen »Ich bin noch katholisch, aber eigentlich will ich nicht mehr Mitglied sein, weil so viel falsch läuft«, dass sie sagen »Ich kann und will mich nicht mehr damit identifizieren«. Da geht es darum, dass man in den Pfarreien Modelle für Jugendliche und junge Erwachsene anbietet, bei denen diese Menschen Platz finden und ihren Glauben leben und entfalten können.“

In der Bibel, der Grundlage unseres Glaubens, finden sich, laut Jacqueline, so viele Belege, die für ein Frauenpriestertum sprechen. Mit welch einer Leidenschaft und Überzeugung sie über die Heilige Schrift redet, zeigt, wie sehr ihr das Thema am Herzen liegt:

„Man muss sich nur anschauen wie Jesus mit den Frauen umgegangen ist und darf das natürlich nicht mit der Brille aus dem Jahr 2020 lesen. In der damaligen Zeit durfte ein Mann nicht mit einer Frau, mit der er nicht verwandt oder verheiratet war, sprechen. Jesus macht das und behandelt sie als gleichberechtigte Persönlichkeiten.
Maria Magdalena hat er als Auferstehungszeugin an Ostern beauftragt, zu den Männern zu gehen und Zeugnis abzulegen, die frohe Botschaft zu verkünden. Sie war also schon die erste Predigerin/Priesterin, in einer Zeit in der Frauen kein Zeugnisrecht hatten.
Dieser Gedanke der Emanzipation, der Gleichberechtigung, der ging dann auch weiter.
Wenn wir mal in den Galaterbrief schauen (Gal 3,28), da spricht der Apostel Paulus davon, dass es in Jesus Christus keine Unterschiede mehr gibt: Nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn in Jesus Christus sind wir alle eins. Das war natürlich eine Sensation für die damalige Zeit, dass keine Unterschiede mehr propagiert wurden, sondern, dass allein der Glaube an Jesus ausschlaggebend war.
Und wenn man in den Römerbrief schaut, sieht man ganz deutlich, dass Paulus Frauen die gleichen Aufgaben wie Männern aufgetragen hat. Frauen waren Gemeindeleiterinnen, waren in der Mission tätig, waren als Theologinnen unterwegs. Sie hatten prophetische Gaben, sie hatten diakonische, priesterliche und sogar bischöfliche Funktionen. Also die Bibel spricht ganz klar für das Frauenpriestertum.“

Viele Kritiker des Frauenpriestertums begründen ihre Meinung damit, dass die Apostel, die Jesus zur Verkündung des Glaubens berufen hat, ausschließlich Männer waren. Doch auch von diesem Argument hält Jacqueline Straub nichts:

„Natürlich, die Apostel waren zwölf jüdische Männer, das sind drei ganz wichtige Kriterien, die in der damaligen Zeit eine entscheidende Rolle gespielt haben. Jesus war Jude und wusste, wenn er zu dem jüdischen Volk sprechen möchte, muss er Symbole und Bilder, die die Menschen verstehen, benutzen. Er hat das 12er-Symbol benutzt, weil ihm das eine gewisse Autorität gab. Das 12er-Symbol bezieht sich auf die Zwölf Stämme Israels. Indem Jesus zwölf jüdische Männer in seine Nachfolge beruft, sagt er eigentlich nur »Ich bin Jude und ich spreche zu euch, dem jüdischen Volk«.
Der Zwölferkreis wurde relativ schnell nach Jesu Tod aufgebrochen und in der Bibel steht auch, dass er einen größeren Apostelkreis von 72 Personen hatte.

Maria Magdalena wurde später von den Kirchenvätern auch als Apostelin der Apostel bezeichnet, also sie war die wichtigste Apostelin von allen."

Etwas in sich zu spüren, eine Liebe in sich zu spüren, diese aber nicht nach außen bringen dürfen – das ist was Jacqueline Straub fühlt. Ihre Glaubensgeschichte ist von Schönem geprägt, doch auch von Grenzen, die es ihr verbieten, ihren Glauben auf ihre Weise auszuleben. Doch sie wird weiter kämpfen, bis ihr großes Ziel hoffentlich irgendwann Wirklichkeit wird.
Das war ein kurzer Ausschnitt aus der Glaubensgeschichte von Jacqueline Straub. Wenn Ihr mehr über sie erfahren, und sie unterstützen wollt, kann ich Euch ihre Bücher empfehlen. Weitere Informationen gibt es auf ihrer Website jacqueline-straub.de/ und in den sozialen Medien. Das Interview gibt es ungekürzt auch als Audiofile oben auf der Seite.
Viel Spaß beim Hören!

Dominik Kunzmann